Gestern ging es in der Neuzeit Vorlesung um drei Hauptthemen:

  1. die Renaissance
  2. den Humanismus
  3. den Buchdruck

Der Wissenschaftler Jacob Burckhard hat es sich mit seinem Buch „Die Zukunft der Renaissance in Italien“ mit so ziemlich jedem verdorben, der sich für das Mittelalter begeistern kann. Renaissance nach Burckhard ist gleichzusetzen mit einer Mischung aus Individualismus und Moderne. Seine Kritiker werfen ihm vor, zwischen dem „dunklen Mittelalter“ und der „prunkvollen Renaissance“ zu extrem zu trennen. Erfindungen und Innovationen des Mittelalters würden in seinem Buch komplett übersehen und auch dem Fortbestand der Traditionen zwischen den beiden Epochem käme keine Bedeutung zu.

Es ist wichtig zu erwähnen, dass die Renaissance nicht NUR in Italien, sondern in ganz Europa, stattfand. Zudem kann von einer „Pluralität der Renaissancen“ gesprochen werden, da es eben … mehrere gab (s. a. Karolingische Renaissance oder die Renaissance des 12. Jahrhunderts!).

Bezeichnend für diese Zeit ist es jedenfalls, dass sich die Menschen von Zwängen wie Stadt und Kirche lösen und beginnen, individueller zu leben. Es wird in größeren Zusammenhängen gedacht und gelebt. Tatsächlich war jedoch auch in der Renaissance noch viel Mittelalter vorhanden.

Bei der Renaissance handelte es sich um den Versuch zwischen 1300 und 1600 die Antike wiederzubeleben und ihr nachzueifern. Besonders bezogen auf die Baukunst (klassische antike Säulenformen) besann man sich zu den „alten Werten“ zurück (s. a. „10 Bücher über die Baukunst“ von Vitruv, gedruckt 1486, aber schon in der römischen Kaiserzeit entstanden).
Bauwerke in antikem Stil dienten selbstverständlich auch der Darstellung eines imperialen Anspruchs. 

Im Bereich der Bildhauerei versinnbildlicht die Laokoon- Gruppe alles, wofür die Renaissance steht. Diese Gruppe wurde 1506 in Rom entdeckt. Es handelt sich um Personen aus dem griechischen Mythenkontext, welche von da an zum Vorbild für Bildhauer wurde.

Bei der Malerei konzentrierte man sich auf das individuelle Portrait. Auf deutsch: Die Figuren auf den Bildern sahen (jetzt auch im Gesicht) nicht mehr gleich aus. Die einzelnen Menschen sollten in ihrer Einzigartigkeit gezeigt werden. Ein gutes Beispiel dafür ist Dürer, der zahlreiche Selbstportraits (z. B. 1498) anfertigte. Im 15. Jahrhundert waren die Modelle vor allem im Profil zu bewundern. Um 1500 gab es keine klassischen Vorgaben mehr. 
Zudem entstand die Linearperspektive, also die 3D- Darstellung von Räumen. Diese ist beispielsweise ein Gegensatz zur Sozialperspektive (s. a. letzter Post der Neuzeit- VL), bei der von der Größe der dargestellten Personen auf deren Rang in der Gesellschaft geschlossen werden konnte.


Im Rahmen der Renaissance fiel der Fokus vor allem auf die Bereiche…:

  • Sprache
  • Literatur
  • Bildung (Latein, wobei das mittelalterliche Latein als „barbarisch“ galt)

Man nahm sich antike Autoren zum Vorbild und schrieb beispielsweise Briefe an Cicero. Antike Gattungen wie zum Beispiel das Epos, die Komödien, die Ode und Pastorale wurden imitiert.
Besondere Bedeutung haben in diesem Zusammenhang die Herren Francesco Petrarca (1304- 1347) und Torquato Tasso (1544- 1595), die neue Formen des literarischen Schreibens schufen.


Beim Humanismus handelt es sich um einen Begriff aus dem 19. Jahrhundert. Er bezeichnet die traditionelle und klassische Bildung und bezieht sich damit vor allem auf die studia humanitatis, die da wären…:

  • Grammatik
  • Rhetorik
  • Poetik
  • Ethik
  • Geschichte

Leonardo Bruni (1369- 1444) ist der Meinung, dass genau diese akademischen Disziplinen zu den studia humanitatis gehören, da sie es sind, die den Menschen vervollkommnen würden. Er unterscheidet den Menschen vom Tier aufgrund seiner Fähigkeit zu sprechen, seine Fähigkeiten zu perfektionieren und richtig und falsch zu unterscheiden.


Die humanistische Stufenleiter beschreibt in diesem Zusammenhang die mögliche Entwicklung des Menschen vom…:

  1. Faulpelz zum…
  2. Vielfraß zum…
  3. eitlen Geck zum…
  4. Gelehrten, der dann letzten Endes verstehen kann wie ein Mensch.

Die Frage, mit der sich der Humanismus immer wieder konfrontiert sieht, ist, ob man sich als Mensch politisch engargieren soll oder lieber die Zeit für sich selbst nutzt, um sich zu bilden.
Leonardo Bruni vertritt hier die erste Auffassung (= „vita activa“), während Erasmus von Rotterdam sich der zweiten Meinung, der „vita contemplativa“ anschließt. Selbstverständlich gibt es auch ein „Zwischending“. Dieses findet vor allem in Sir Thomas More und Michel de Montaigne seine Anhänger.


Die Naturwissenschaften gehören übrigens nicht zum Humanismus.


Während des Humanismus wird auch das Altgriechische wieder entdeckt. Erste Dozenten hierfür sind Flüchtlinge aus Konstantinopel.
Besonderes Interesse wurden den „platonischen Dialogen“ und den Texten „des Hermes Trismagistus“ entgegen gebracht. (Daher kommt auch der Begriff „hermetisch“.) Bei Letzterem handelt es sich um „Zauberbücher“ mit seltsamen Anweisungen. Keiner weiß, wer dieser Hermes T. war. Vielleicht eine fiktive Figur?? Oder ein altägyptischer Weiser?? Hmmm… .


Marsilio Ficino (1433- 1499) war insofern für diese Zeit von Bedeutung, als dass er als einer der wichtigsten Übersetzer für den Neuplatonismus gilt und der Begründer der neuplatonischen Schule war. Er übersetzte Aristoteles und das NT.
In der Zeit des Humanismus entwickelte sich auch die Textkritik, die zu einer Rekonstruktion des jeweils ursprünglichen Textes beitragen sollte. Klassische Texte wurden in diesem Zusammenhang komplett neu gedeutet (z.B. das römische Recht).
Schließlich entlarvte Lorenzo Valla die beerühmte Konstantinische Schenkung 1440 als Fälschung, was dem Image und der Glaubwürdigkeit der päpstlichen Kirche stark zu schaffen machte.


Humanismus und Renaissance verbindet deren Begeisterung für die Vergangenheit. Sie wollen die Vergangenheit wieder herstellen und damit die Gegenwart erneuern. Es handelt sich um keine Retrobewegung! Die eigene Gegenwart wurde als qualitativ minderwertig angesehen und laut dem christlichen Verfallsmodell der Schöpfung musste ja sowieso alles schlechter werden.


Man befand sich immer zwischen der Distanz und der Nähe zur Antike. Die Distanz war vor allem damit begründet, dass immerhin 1500 Jahre zwischen Gegenwart und Vergangenheit lagen. 
Die Nachahmung, die imitatio, wurde gepflegt, wobei die Religion hier das größte Problem darstellte. Immerhin gab es mittlerweile EINEN Gott.
Ein weiteres Problem war es, wenn man beispielsweise versuchte, die Geschichte des Livius weiterzuschreiben, wie in der humanistischen Geschichtsschreibung, dass es im alten Wortschatz keine Worte für „Kanonen“ usw. gab. Das ganze Projekt hinkte ein wenig.


Als Auslöser für die Renaissance und den Humanismus gelten Funde und Anschauungsmaterial in Italien. Die Renaissance war mehr an römischen Funden als an griechischen interessiert. Es kam zu einem Aufstieg der Stadtstaaten wie Florenz, Venedig und Mailand, welches seit dem 12. und 13. Jahrhundert als das „neue Rom“ bezeichnet wurde.


Renaissance und Humanismus galten als europäischen und elitäre Phänomene, die sich vor allem eher in der Stadt als auf dem Land vollzogen und männlich dominiert waren. Es waren keine Massenbewegungen!


Der Buchdruck kam im späten 15. Jahrhundert, besonders auch im 16. Jahrhundert auf. Der Fokus verrückte sich immer mehr von der mündlichen auf die schriftliche Gesellschaft. 
Aufeinmal musste man nicht mehr anwesend sein, um seine Meinung kund zu tun und auch das Speichern von Wissen war nicht mehr von der Fähigkeit des eigenen Gedächtnisses abhängig. Im Mittelalter spricht man daher von einer „face- to- face“ Kommunikation. Das Wissen wurde in Klöstern und Domschulen aufbewahrt, jedoch wuchs der Bedarf an Schriftlichkeit vor allem in den Klöstern, am Fürstenhof, an den Unis, in den Städten und im Handel immer weiter.


Gutenberg gründete dann in Mainz im Jahre 1448 die erste Druckwerkstatt. Es handelte sich um die Möglichkeit des Buchdrucks mit bewegten Lettern. 1455/ 56 erschien die bekannte Gutenberg- Bibel.
Das Unternehmen vergrößerte sich rasch. Vertriebsnetze wurden aufgebaut.
In den 50 Jahren zwischen 1450 und 1500 kommt es zu einer Massenproduktion an Büchern, welche folgende Themen behandelten…:

  • Religion
  • antike Texte
  • moralvermittelnde Texte
  • Ratgeber
  • Kalender
  • neue Zeitungen

Ab ca. 1480 war der Buchmarkt erstmal gestättigt, bis dieser ab 1517 aufgrund der Reformation einen echten Booooooooooom erlebte.
„Das Medium findet seinen Autor.“ (Johannes Burckhard -> er meint M. Luther)
Die Reformer nutzten das Buch für ihre Propaganda- Zwecke. Während der Reformation (1. Hälfte des 16. Jahrhunderts) waren 95% der Druckwerke religiös.
Immer mehr Kleriker bekamen Zugang zu Bildung. Was vorher noch als die „face- to- face“- Gesellschaft bezeichnet werden konnte, war nun deutlich unpersönlicher und überregional geworden.

Als Auswirkungen des Buchdrucks kann hauptsächlich erwähnt werden, dass sich die Schrift und die Sprache standardisierten. Plötzlich stand auch der Autorname auf dem jeweiligen Buchdeckel und es kam zu einer Beförderung des Handels.
Zudem kam es zu einem Wandel der religiösen Kultur (die Schrift wurde gegenüber den Ritualen aufgewertet) und zu einem Wandel in der Rechtskultur (das Gesetzesrecht verdrängte langsam das Gewohnheitsrecht).

Im 18. Jahrhundert nehmen gebildete Stände immer mehr an der Kommunikation teil und das Buch ist nun definitiv Massenware. Dadurch werden die Preise gesenkt und es kommt zu einer breiteren Zugänglichkeit. Die Themen, über die geschrieben wird, variieren immer mehr (Bsp.: Belletristik) und es wird in der Volkssprache geschrieben. Der Einzellektüre kommt aufgrund der großen Auswahl eine viel höhere Bedeutung zu. Das Buch wird gewissermaßen desakralisiert. Das Latein verschwindet immer mehr.