Leider, leider, leider besteht das Leben nicht nur aus Interviews, der „Bambi“-Verleihung, der „1 Live Krone“ und anderen angenehmen Dingen, sondern auch aus… Mediävistik.
Daher kommt hier die Zusammenfassung des gestrigen Seminars.
Oh, Freude.
Liebst, Conny

Fangen wir mit dem „ungemütlichsten“ Thema an: den Ablautreihen.
Oder anders… „Was’n das überhaupt?“.
Schwer zu sagen. Generell soll eine Ablautreihe beim Bilden des Präsens, Präteritums und des Partizip des Präteritums helfen. 

Hier findet ihr die ersten drei Ablautreihen:

I                      Präsens                  Präteritum                  Part. Prät.
a                         „î“                       „ei“ (Sg.)                        „i“ 
                                                     „i“ (Pl.)
b                         „î“                       „ê“ (Sg.)                         „i“
                                                     „i“ (Pl.)

Ein „î“ im Präsens oder ein „t“ am Ende in der 3. Pers./ Pl. sind oft ein Kennzeichen für die erste Ablautreihe!

Beispiele: „stîgen“ oder „bîten“ (= „warten“)


II                     Präsens                  Präteritum                  Part. Prät.
a                      „ie“/ „iu“                  „ou“ (Sg.)                       „o“
                                                     „u“ (Pl.)
b                      „ie“/ „iu“                  „ô“ (Sg.)                        „o“
                                                     „u“ (Pl.)

Beispiel: „bieten“ -> „bôt“ -> „buten“ -> „geboten“


III                    Präsens                  Präteritum                  Part. Prät.
                        „e“/ „i“                     „a“ (Sg.)                    „u“/ „o“
                                                      „u“ (Pl.)

Beispiele: „binden“, „finden“, winken“, …

Und was wäre ein Mediävistik-Seminar ohne Übersetzung?

Also…:
(Grundlage: Jansen Enikels Werke in: Monumenta Germaniae Historica, Deutsche Chroniken Bd. III, Hrsg. Philipp Strauch, Hannover 1891/ München 1980)

aus: „Die Erschaffung der Welt“

Got von himelrîche sprach,
Gott aus dem Himmelreich sprach,
dô er vor im stên sach
als er vor ihm stehen sah
Luciferum den engel hêr,
Lucifer, den holden Engel,

vil tugentlîchen sô sprach er:
mit großem Anstand sprach er:
«Lucifer, lieber engel mîn,
„Lucifer, mein lieber Engel,
wie möhtst dû immer schœner gesîn
wie könntest du immer schöner sein
in dem himelrîche mîn?
in meinem Himmelreich?
ez mac ouch nieman schœner sîn.
keiner kann schöner sein.

dû bist mir niht unmær,
du bist mir nicht unlieb,
wan dû bist mîn liehttragær.»
denn du bist mein Lichtträger.“

Dô in got hêt sô sêr gelobt,

Als Gott ihn so sehr gelobt hat,
Lucifer vor freuden tobt.
tobt Lucifer vor Freude.
er gedâht in sînem muot:
er dachte bei sich:

jâ bin ich got ze guot,
wenn ich Gott so gut bin,
sît ich gên vor in allen schôn
dann stehe ich vor allen
und trag die öbristen krôn.
und trage die höchste Krone.
des wil ich got gelîch sîn.
dann will ich Gott gleich sein.
daz himelrîch daz ist mîn.
das Himmelreich gehört mir.

ze ietlîchen engeln nam er rât.
bei etlichen Engeln nahm er Rat.
«jâ wæn ich ez mir wol an stât,
„ja, ich glaube, es steht mir gut an,
daz ich got gelîch sî.
dass ich Gott gleich sei.
di engel di mir wellent bî
die Engel, die mir beistehen wollen
bestên an diser stunt,
in dieser Stunde,

die tuon mir daz kunt.
sollen mir das sagen.
got wil ich nû verstôzen.
Gott will ich nun verstoßen.
des süllen mîn genôzen
mir immer gnâde sagen.
meine Genossen sollen mir immer Dank sagen.
si müezen hœher krône tragen
sie dürfen eine höhere Krone tragen

dan si biz her habent getân.
als sie es bisher haben getan.
mit mir süllens freude hân
mit mir sollen sie Freude haben.
in dem himelrîche
im Himmelreich
immer êwicliche.
für ewig.
verstôz ich got, sô ist mir wol
verstoße ich Gott, geht es mir gut

und bin immer freuden vol.
und ich bin immer voller Freude.
swelich engel nû bî mir belîb,
welcher Engel nun immer bei mir bleibt
der traht, daz ich vertrîb
der trachte danach, dass ich Got vertreibe
got, ê daz er sîn werd inne,
bevor er das mitbekommt,
wan der hât wîse sinne.»
denn Gott hat weise Sinne.“
Dô daz gehôrten die engel guot,
als die guten Engel das hörten,
sümlîch gedâhten in irem muot:
dachten manche bei sich:
wir süllen niht entwîchen
wir sollen nicht weichen
got dem vil rîchen,
von Gott, dem Allmächtigen,
sô mac uns nimmer missegân.
dann wird es uns nicht schlecht gehen.
 
wir sîn got billîch undertân,
wir sind Gottes treue Untertanen,
wan er uns selb beschaffen hât
weil er uns selber geschaffen hat
ân aller hant missetât.
ohne Fehler.
daz trahten engel alsô vil,
das war die Meinung der vielen Engel,
die ich niht all nennen wil
deren Namen ich nicht alle nennen will

und niht all genennen kan,
und nicht alle nennen kann,
wan in got aller êren gan.
weil ihnen Gott alle Ehre hat zukommen lassen.
daz habent si verdienet wol,
das haben sie sich wohl verdient,
ze himel sint si freuden vol.
im Himmel leben sie voller Freude.
sümlîch gedâhten in irem muot:
manche dachten:

swer under in daz beste tuot,
dâ süll wir mit belîben,
wir bleiben bei dem, der gewinnt,
wer mac uns dann vertrîben?
wer soll uns dann vertreiben?
die selben wârn zwîflær.
das waren die Zweifler.
dâ von wârn si unmær

dem vil hôhgelobten got.
deshalb waren sie dem hochgelobten Gott unlieb.
dâ von sô liten si grôzen spot.
dadurch litten sie unter großem Spott.
Lucifer sprach ûz frîem muot:
Lucifer sprach freimütig:
«ich sag iu waz mich dunket guot.
„ich sage euch, was ich für gut halte.
ich wil wizzen die mit mir sint,
ich will wissen, wer mit mir ist,

wan si süllen wesen mîniu kint.
denn sie sollen meine Kinder sein.
ich wil si niht vertrîben,
ich will sie nicht vertreiben,
[wan] si süllen bî mir blîben
sie sollen bei mir bleiben
in dem himelischen kôr,
in dem himmlischen Chor,
und wil di lâzen stên dâ vor,
die mîn niht enruochent
und mîn genâd niht suochent.»
diejenigen, die sich meiner nicht annehmen,
will ich davor stehen lassen.“
Dô west got der rîch
da wusste Gott der Mächtige
die rede gemelîch.
von der schmählichen Rede.
er sprach ûz zorniclîchem muot:
er sprach voller Zorn:

«Lucifer mir niht schaden tuot,
„Lucifer schadet mir nicht,
wan er mir niht geschaden mac.
weil er mir nicht schaden kann.
sîn trahten wirt im ein slac.
sein Trachten wird auf ihn zurück fallen.
hôchvart diu sol niht sîn
in dem himelrîche mîn.
Hochmut soll es in meinem Himmelreich nicht geben.

val von mir einen val
fall von mir einen Fall
in daz fiur hin ze tal,
in das Feuer in Richtung Tal,
und die mit dir gewesen sint,
und die, die mit dir gewesen sind,
die sîn der bittern helle kint.»
die sind die Kinder der Hölle.“