Am 10. Juni durften wir mal wieder dem Neusser Shakespeare Festival einen Besuch abstatten. Da ich ein großer Fan der bremer shakespeare company bin, musste es natürlich wieder die Inszenierung dieses Ensembles sein.

 

Auf dem Programm stand „King Charles III“, ein Stück von Mike Bartlett.

 

„Long live the Queen!“ – oder eben auch nicht. Die Königin von England ist verstorben und ihr Sohn, Prinz Charles, soll zum König von England gekrönt werden. Doch der Monarch scheint wirkliches Interesse an Politik zu haben und ist mutig genug, seine politischen Überzeugungen und Bedenken offen zu äußern. Aus diesem Grund befürchtet das Volk, dass King Charles den Untergang der Royals bedeuten könnte. Auch seine Familie sieht dem rebellischen „Bald-König“ mit Skepsis entgegen.

Frei nach dem Motto: „Nutze die dir gegebene Macht!“, widerspricht Charles dem vom Premierminister vorgestellten neuen Gesetz zur Einschränkung der Pressefreiheit. Ungleich seiner Mutter, die diese ohne zu hinterfragen abgezeichnet hat. Charles besteht auf sein Veto-Recht und tritt damit einen Skandal los. Gerade Charles sollte doch ein Interesse an einem ausgeweiteten Schutz der Privatsphäre gelegen sein. War es doch seine Frau, die durch die Hetzjagd der Presse ums Leben kam.

Etwas skurril wirkt der neue König. Denn aufgrund der langen Amtszeit seiner Mutter ist er ein ziemlich betagter „Berufsanfänger“. Er hatte keine Zeit in seine Rolle zu wachsen und soll von heute auf morgen als König einwandfrei funktionieren.

 

Alles neu macht der neue König

 

Da die Politik der neuen Regierungsweise nicht zustimmt, löst Charles kurzerhand das Parlament auf. Hier wird nun auch das Publikum mit einbezogen. Wir mussten uns entscheiden, ob wir hinter der Monarchie oder der Demokratie stehen. Eine lautstarke Debatte, die zum Nachdenken und Schmunzeln anregt. Danach wurden wir in die Pause entlassen. Um ehrlich zu sein, benötigten wir diese auch. Obwohl das Stück sehr modern und spritzig daherkommt, passiert unheimlich viel und mir persönlich fiel es zeitweise schwer am Ball zu bleiben.

Nach und nach entfremdet sich die royale Familie. Die Shakespeare-Kenner werden in den Figuren William und Kate das Ehepaar Macbeth wiedererkennen. Charles wird durch die beiden abgesetzt und flüchtet sich in den Wahnsinn. Nicht ganz so dramatisch wie im Original: der Wahnsinn wird hier durch einen (neumodischen) Putzzwang dargestellt.

Ich mag Shakespeare und kann mich an solchen Anspielungen erfreuen. Auch die während des Stücks immer wieder abgewandelten Zitate, die an die Inszenierung angepasst wurden, brachten die Kenner zum Schmunzeln. Wie in den Königsdramen wurden hier Blankverse verwendet. Nachdem Charles sich im Palast verkrochen hat und William nun zum König gekrönt wurde, war Zeit zum Durchatmen.

Die Leistung der bremer Schauspieler war wieder einmal bemerkenswert. Zwischenzeitlich fand ich die Inszenierung leider etwas langatmig – gute drei Stunden wurden gespielt. Abschließend lässt sich sagen, dass mir das Stück aber dennoch insgesamt gut gefallen hat. So habe ich Shakespeare noch nicht erlebt. Für Neulinge war es dennoch schwierig, die Verbindungen zu knüpfen.

Ich freue mich schon aufs nächste Jahr.

Liebst, Jenny